John Henry Newman: Der Antichrist nach der Lehre der Väter. Sabat 2020

Newmans Steckenpferd sind die Kirchenväter. Von ihnen her deutet er den Antichristen, das endzeitlich-teuflische Wesen von „rücksichtsloser Gottlosigkeit“. Den „Antichrist“ hat er Jahre vor seiner Bekehrung verfasst.

Der Noch-Anglikaner Newman fragt, was die Kirchenväter über den Antichristen lehrten. Die Antwort liest sich als nüchterne Quellenarbeit, ist aber zugleich ein Weckruf. Und er zeigt Newman als Seelsorger, der Prophetie als Anleitung zur Wachsamkeit versteht und nicht als Fahrplan für das Weltende.

Zu Beginn grenzt Newman die Autorität der Väter ein. Bei Glaubenslehren sind sie Zeugen der Überlieferung. Bei der Prophetie geben sie dagegen meist private Meinungen oder allgemeine Erwartungen wieder. Dennoch verdienen sie Gehör, weil sie einmütiger sprechen als spätere Ausleger und weil die Auslegung der Prophetie längst zum Parteienstreit geworden ist.

Vortrag 1, Die Zeit des Antichristen: Der Antichrist ist noch nicht gekommen. Er geht unmittelbar der Wiederkunft Christi voraus, nach Daniel und der Offenbarung dauert seine Herrschaft dreieinhalb Jahre. Die Hindernisse, von denen Paulus spricht, sieht Newman mit den Vätern im Römischen Reich. Dieses Reich sei in prophetischer Sicht nicht erloschen, sondern lebe in den zehn Königreichen fort. Antichrist ist für ihn eine einzelne Person, kein bloßer Geist, keine Institution und keine Dynastie, und das sei die einhellige Überlieferung der alten Kirche (Hieronymus, Theodoret). Dem Auftreten gehe ein Abfall voraus. Als Vorschatten nennt Newman Antiochus Epiphanes, Julian Apostata und Mohammed. Am Ende wird der Text zeitkritisch: Er warnt vor dem Versuch, Religion aus Staat, Erziehung und Recht zu verdrängen und auf bloßes Gefühl zu verlegen.

Vortrag 2, Die Religion des Antichristen: Der Antichrist leugnet Vater und Sohn und stellt sich gegen alles, was Gott oder Gottesdienst heißt. Zugleich kommt er “im eigenen Namen” und gibt sich nach Irenäus und Hippolyt als Messias, verbunden mit den Juden und ihrem Tempel. Dazu führt er einen neuen, fremden Kult ein. Dass sich das nicht widerspricht, belegt Newman an der Französischen Revolution, die Atheismus und die Anbetung der “Freiheit” zugleich hervorbrachte. Die Väter erwarten außerdem ein wiedererweckte Römisches Reich unter ihm, das sie im Namen “Lateinos” (666) angedeutet fanden. Der praktische Nutzen der Betrachtung: Sie hält das Bewusstsein wach, dass wir unter einem übernatürlichen Heilsplan leben, gegen eine Bildung, die alles Übernatürliche wegerklären will.

Vortrag 3, Die Stadt des Antichristen: Die “Hure Babylon” der Offenbarung deutet Newman auf das heidnische Rom. Ihre Gerichte seien teils eingetreten (Barbareneinfälle, Plünderungen), teils stünden sie noch aus. Warum Rom nicht wie Babylon unterging, erklärt er mit Augustinus: Die Kirche lebte in der Stadt und schützte sie, so wie Abrahams Fürbitte für Sodom. Beispiele sind Leo der Große vor Attila und Genserich. Außerdem könne Rom selbst Typus einer größeren Wirklichkeit sein, nämlich des berauschenden, selbstgenügsamen Geistes aller großen Städte. Das ist ein stiller, aber deutlicher Gegenakzent zur protestantischen Papst-Antichrist-These.

Vortrag 4, Die Verfolgung des Antichristen: Kirche heißt für Newman wesentlich verfolgte Kirche, am Anfang wie am Ende. Die letzte Verfolgung übertreffe alle früheren in vierfacher Hinsicht: durch ihre Grausamkeit, durch das Ende des täglichen Opfers, durch die Aufstellung des Gräuels der Verwüstung im Heiligtum und durch gefälschte Wunder. Diese Wunder könnten, wie Newman erwägt, auch Frucht menschlicher Wissenschaft sein. Er schließt mit einer eindringlichen Möglichkeit: Satan könnte nicht mit Blut, sondern mit List kommen und eine zersplitterte, weltabhängige Christenheit Stück für Stück aus ihrer Stellung lösen. Bis dahin gelte, sich nicht auf Bequemlichkeit und Aufstieg einzurichten, sondern als Pilger zu wachen und auf die Wiederkunft des Herrn zu warten.

Den Text im englischen Original gibt es frei zugänglich hier: Newman Reader: The Patristical Idea of Antichrist.

Bei Ad fontes gibt es mehr von Kardinal Newman: hier.