Shusaku Endo: Schweigen. Septime Verlag 2017

Gastbeitrag von Dr. Marco Bonacker, Fulda
Als 1549 der Jesuit und Missionar Franz Xaver seinen Fuß auf die japanischen Insel setzte, konnte wohl keiner ahnen, dass nur zwei Jahrzehnte später Hunderttausende Japaner zum katholischen Glauben finden würden. Gerade im Süden Japans, auf der Insel Kyushu, entwickelte sich unter dem Schutz der ebenfalls christlich gewordenen Regionalfürsten, den Daimyo, eine lebendige und missionarische japanische Kirche, die schnell wuchs und immer mehr Anhänger fand. Es gab katholische Samurais ebenso wie christliche Bauern. Zentrum des Glaubens wurde Nagasaki, das „japanische Rom“, das auch Anlaufpunkt portugiesischer Handelsschiffe war. Der Glaube verquickte sich zwar immer auch mit wirtschaftlichen Interessen, aber die Frömmigkeit und der wirkliche Glaube konnten davon nicht kontaminiert werden.
(c) Septime
Auch als die Unterdrückung des Christentums Ende des 16. Jahrhunderts begann und in der Kreuzigung der 26. Märtyrer von Nagasaki um Paul Miki 1597 ein frühes und eindrückliches Beispiel fand und es ab 1638 endgültig zur Ausweisung aller Missionare und zum Verbot des Christentums kam, blieben tausende Japaner dem Glauben treu. Der Shogun, der zentrale Herrscher Japans und eigentliche Regent unter dem gottgleichen Tenno, hatte sich gegen das Christentum entschieden; zu sehr hätte es die traditionelle und politische Ordnung Japans in Frage gestellt.
In dieser historischen Situation ist der Roman „Schweigen“ von Shusaku Endo angesiedelt. 1638 reisen die beiden Jesuitenpatres Rodrigues und Garpe nach Japan, um ihren ehemaligen Ausbilder Pater Ferreira aufzuspüren. Das Gerücht geht um, er sei in der Verfolgung vom Glauben abgefallen. Sie erleben einerseits den lebendigen Glauben der japanischen Christen, andererseits ihre grausame Verfolgung, die durch den Inquisitor Inoue kaltblütig und gnadenlos angeführt wird. Dabei entwickeln sich existentielle theologische Grundfragen über den Sinn der Mission, den wahren Glauben und seine vermeintliche Inkompatibilität mit der japanischen Kultur in starken Dialogen und einem dramatischen, aber zugleich traurigen Ende.
Im beeindruckenden Film „Silence“ von Martin Scorsese ist der Geschichte der Missionare, der christlichen Japaner und dem Roman von Endo ein Denkmal gesetzt worden.
Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde auf internationalen Druck hin Japan wieder für Missionare geöffnet und es konnten wieder Kirchen gebaut werden. Unter einer Marienstatue in der von französischen Missionaren gebauten Oura-Kirche in Nagasaki fand sich am 17. März 1865 eine kleine Gruppe von Japanern ein, die einen Priester sprechen wollten. Im Gespräch gaben sie sich als Christen zu erkennen, die ihren Glauben über 200 Jahre im verborgenen weitergegeben hatten, ihre Kinder getauft und täglich ihren Gebeten nachgekommen waren. Gegen alle Widerstände hatten sie den katholischen Glauben bewahrt – in der Folge gaben sich tausende verborgene Christen zu erkennen.
Für die französischen Missionare war das wie ein Wunder. Heute gibt es über 400.000 katholische Japaner und auch wenn das prozentual ein geringer Anteil an der Gesamtbevölkerung ist, betreiben Orden und Bistümer zahlreiche Schulen und soziale Einrichtungen und sind dadurch ein Anker der Nächstenliebe in der komplexen japanischen Gesellschaft zwischen Tradition und Hypermoderne. Die japanischen Katholiken und ihre Glaubenstreue zeigen auf, wie die christliche Heilsbotschaft auch gegen alle Widerstände nachhaltige Wurzeln schlägt – auch wenn Saat und Ernte manchmal hunderte Jahre auseinanderliegen!
Endos beeindruckender Roman basiert also auf historischen Tatsachen und versetzt den Leser in eine Situation, die auch bei ihm existentielle Glaubensfragen evozieren können. Für jeden, der sich als Christ auf eine Japanreise vorbereiten will, ist das Buch ein Muss, eröffnet es doch einen Blick in Japans christliche Geschichte, die das Land und seine Kultur in spannender Weise erschließt. Das in der hier angegebenen Ausgabe enthaltene Nachwort von William Johnston macht auf die kontroverse Rezeption von „Schweigen“ gerade unter japanischen Christen aufmerksam und rundet die im Buch angesprochenen Fragen perfekt ab.