Bruder Lorenz: Die Übung, in Gottes Gegenwart zu sein

2026 startet und es ging büchertechnisch gleich inspirierend los – als Geschenk für eine Podiumsteilnahme bekam ich das erstaunliche kleine Büchlein über die Spritualität des Bruder Lorenz geschenkt. Ich kannte es nicht, aber es klingelte gleich beim mir, da ich erinnerte, dass Papst Leo XIV. es kürzlich empfahl, als er gefragt wurde, welche Bücher in inspirieren und seine Spiritualität geprägt haben. Und in der Tat – manchmal sind es gerade die kleinsten Bücher, die einen, und so wohl auch mich zukünftig, am nachhaltigsten begleiten.

Die Übung, in Gottes Gegenwart zu sein von Bruder Lorenz von der Auferstehung gehört in diese Kategorie: ein schmales Heftchen, unscheinbar, aber mit einer erstaunlichen geistlichen Dichte. Dass Papst Leo XIV. es deshalb öffentlich als prägend für seine eigene Spiritualität erwähnt hat, ist mehr als verständlich und erklärt den aktuellen Hype – und zugleich wirkt es fast wie ein Missverständnis, von „Hype“ zu sprechen. Denn dieses Buch ist keine modische Entdeckung, sondern eher eine Erinnerung daran, was Christen seit jeher wussten und doch so leicht verlieren: Gott ist nicht nur „Thema“ in frommen Zeiten, sondern Gegenwart – in der Küche, im Büro, im Lärm, in der Erschöpfung, im ganz normalen Tag.

Die Pointe liegt dabei nicht in spektakulären Visionen oder außergewöhnlichen Askesen. Bruder Lorenz war kein „Star“ der geistlichen Szene, sondern ein Laienbruder der Unbeschuhten Karmeliten im Paris des 17. Jahrhunderts. Er arbeitete als Koch, später als Sandalenmacher – Tätigkeiten, die man nicht mit mystischer Höhe verbindet. Gerade deshalb trifft sein Zeugnis so direkt: Es beschreibt einen Weg, in dem sich Gebet und Arbeit nicht mehr als zwei getrennte Lebensbereiche gegenüberstehen. Das ist weder romantisch noch weltflüchtig, sondern nüchtern und praktisch. Wenn er sagt, er besitze Gott „in so großer Ruhe wie auf den Knien vor dem Allerheiligsten“, dann klingt das zunächst fast zu schön, um wahr zu sein – und doch ist es genau diese Zumutung, die dem Text seine Kraft gibt. Nicht, weil sie uns in ein Idealbild drängt, sondern weil sie uns eine Frage stellt: Wäre es denkbar, dass unser Alltag nicht das Hindernis des geistlichen Lebens ist, sondern sein Ort?

Was dabei überzeugt, ist der Ton: schlicht, unprätentiös, ohne Frömmigkeits-Posen. Hier wird nicht theologisch tiefgehend ringt um die „richtige“ Begrifflichkeit gerungen, sondern aus Erfahrung beschrieben, wie sich das Innere langsam an Gott gewöhnt – durch kurze Akte der Hinwendung, durch ein wiederholtes „Zurückkommen“, durch ein geduldiges Einüben. Wer erwartet, hier eine Methode zu finden, die man einmal verstanden hat und dann beherrscht, wird enttäuscht sein. Es geht nicht um Technik, sondern um Beziehung. Und Beziehungen wachsen selten durch brillante Einsichten, sondern durch Treue im Kleinen: immer wieder neu anfangen, immer wieder erinnern, immer wieder bewusst „bei Gott“ sein – gerade dann, wenn man es nicht fühlt.

Katholisch gesehen ist das Buch gerade deshalb so stark, weil es weder in bloße Innerlichkeit noch in bloßen Aktivismus kippt. Es ist keine Anleitung zur Selbstberuhigung, keine spirituelle Effizienzsteigerung, kein religiös verbrämtes Achtsamkeitsprogramm. Das Zentrum ist Gott – nicht das eigene Wohlbefinden. Und zugleich ist die Wirkung nicht „nur innerlich“. Bruder Lorenz spricht davon, dass ein solcher Weg den Glauben tatkräftig macht: nicht als moralischer Druck, sondern als Frucht einer veränderten Gegenwart. Wenn das Herz lernt, bei Gott zu wohnen, verändert sich auch der Blick auf Menschen, Aufgaben, Konflikte. Man wird nicht automatisch gelassener, aber man bekommt einen anderen inneren Schwerpunkt. Für unsere Zeit – geprägt von Daueranspruch, Beschleunigung, Unruhe – ist das eine ungeheuer aktuelle Botschaft, ohne dass sie sich modern geben müsste.

Natürlich sollte man das Buch mit der richtigen Erwartung lesen. Die Quellen zu Bruder Lorenz sind begrenzt; wir haben es nicht mit einer literarisch komponierten Autobiografie zu tun, sondern mit einer überlieferten geistlichen Stimme: Gespräche, Briefe, Notizen, später zusammengestellt. Das macht den Text nicht schwächer, eher im Gegenteil: Es bleibt etwas Rohes, Unmittelbares. Man liest nicht „über“ Spiritualität, man wird in eine Haltung hineingezogen. Und genau deshalb ist es klug, dieses Büchlein nicht in einem Rutsch zu verschlingen. Es gehört zu den Texten, die besser wirken, wenn man ihnen Zeit gibt – wie ein geistliches Grundwasser, das langsam einsickert.

Unsere Empfehlung bei Ad Fontes fällt daher eindeutig aus: Wer ein Buch sucht, das nicht nur inspiriert, sondern tatsächlich eine Praxis eröffnet, wird hier fündig. Besonders hilfreich ist es für Menschen, die Verantwortung tragen, viel arbeiten, viel organisieren – und gerade deshalb spüren, dass das Gebet leicht in eine „Sonderzeit“ am Rand des Tages abrutscht. Bruder Lorenz erinnert daran, dass christliche Heiligkeit nicht zuerst in außergewöhnlichen Umständen entsteht, sondern in der Entscheidung, den gewöhnlichen Tag mit Gott zu bewohnen. Unscheinbar, wiederholend, manchmal mühsam – und gerade so real.