Der Augenzeugenbericht eines Arztes über Überleben, Glauben und die Folgen der atomaren Zerstörung. Hier zitiert in der englischen Ausgabe The Bells of Nagasaki: A first-hand account of the catastrophic atomic bombing. Vintage Classics 2025.
Gastbeitrag von Dr. Marco Bonacker, Fulda. Von ihm gibt es auf ad-fontes.org bereits eine Rezension zu Shusaku Endo: Schweigen. Einen exzellenten Audio-Beitrag im HR von Dr. Bonacker von 2026 gibt es hier.
Am 9. August 1945 um 11 Uhr 02 flog ein amerikanischer B29-Bomber den bisher letzten Atombomenangriff der Geschichte und es traf Nagasaki. Dabei war es nur ein Verlegenheitsziel. Eigentlich waren die Rüstungsbetriebe in Kokura im Visier. Doch dichte Wolken verhinderten den Abwurf. Die Sicht über Nagasaki war ebenfalls schlecht und so entschied sich der Pilot für einen Radaranflug und verfehlte auch in Nagasaki das eigentliche Ziel und warf den „Fat Man“, die Atombombe, über einem dicht besiedelten Wohngebiet ab – ausgerechnet wenige hundert Meter von der katholischen Kathedrale im Stadtteil Urakami. Die Folgen waren verheerend: Über 70.000 Menschen starben direkt bzw. innerhalb weniger Wochen, weitere 79.000 Menschen waren verletzt. Ganze Wohnviertel waren dem Erdboden gleichgemacht. Wer im direkten Epizentrum war, ist einfach verglüht. Das Grauen, dass dort durch die Bombe ausgelöst wurde, ist kaum vorstellbar. Das Ziel war die bedingunglose Kapitulation Japans zu erzwingen, die am 15. August 1945, am Fest Maria Himmelfahrt, durch den bis dahin gottgleichen Kaiser Hirohito per Radioansprache verkündet wurde.
Und hier tritt nun der Autor des Buches „Die Glocken von Nagasaki“ ins Licht der Geschichte, der durch seine Veröffentlichungen zum herausragenden Chronisten des Atombombenabwurfs auf Nagasaki wurde: Takashi Paul Nagai. Ein japanischer Arzt, dessen Lebensgeschichte bereits vor dem verheerenden Atombombenabwurf beeindruckend genug war, dadurch aber nochmal an Bedeutung gewonnen hat.

Nagai war eher materialistisch geprägt, als der Tod seiner Mutter ihn mit den Fragen der Unsterblichkeit der Seele und dem ewigen Leben konfrontierte. Durch die Lektüre von Pascals Penseés erwachte sein Interesse am Katholizismus und er suchte den Kontakt zu einer japanischen katholischen Familie, um mehr vom Glauben zu erfahren. Dort lernte er seine spätere Frau Midori kennen, eine Tochter der Familie, die ihn bei seiner Konversion begleitete: 1934 ließ er sich taufen. Zwischenzeitlich hatte er Midoris Leben gerettet, als er sie durch Schnee und Eis in ein Krankenhaus brachte, als sie lebensgefährlich erkrankt war. Sein Plan Arzt zu werden, musste er kurzfristig begraben, als er nach einer Mittelohrentzündung auf einem Ohr taub wurde. Doch die neuen Entwicklungen der Radiologie eröffneten ihm dann doch noch einen Weg in die Medizin und er wurde zu einem der wissenschaftlichen und klinischen Vorreiter der Radiologie in Japan. Für Nagai war das Mitleiden mit den Patienten Teil seines ärztlichen Ethos und die damals noch unzureichenden Schutzmaßnahmen in der Radiologie zeigten bald negative Folgen bei ihm. Er entwickelte eine strahlenbedingte Leukämie.
Zum Zeitpunkt des Atombombenabwurfs arbeitete Nagai im Krankenhaus der Medizinischen Fakultät Nagasaki und half unzähligen Opfern und Schwerverletzten. Zwei Tage nach dem Abwurf der Atombombe konnte er in sein völlig zerstörtes Haus gelangen, in dem er nur noch die verkohlten Knochen seiner Frau Midori und ihren Rosenkranz fand. Er begrub ihre Überreste und arbeitete dann bis zum persönlichen Kollaps.
Nach seinem Zusammenbruch wurde Nagai bettlägerig. Dankbare Patienten und Freunde bauten für ihn und seinen beiden überlebenden Kinder Makoto und Kayano aus den Trümmern eine kleine Hütte im Stadttei Urakami unweit der katholischen Kathedrale. Für Nagai wurde es zu seiner „Einsiedelei“ in der er sein christliches Zeugnis als Schriftsteller weiterführte und Vergebung und Versöhnung in den Vordergrund stellte.
Das japanische Sprichtwort „Hiroshima beschwert sich – Nagasaki aber betet“ geht auch auf ihn zurück. Im Volksmund wurde Nagai schon zu Lebzeiten „der Heilige von Urakami“ genannt und viele Schüler aus ganz Japan besuchen immer noch seine Hütte, die heute ein Museum ist.
In „Die Glocken von Nagaski“ legt Nagai eine beeindruckende Dokumentation der ersten Tage, Wochen und Monate nach dem Atombombenabwurf vor und sein Werk wurde international schnell zu einem Bestseller des dramatisch angebrochenen Atomzeitalters.
„Will the human race be happy when it enters the atomic age? Or will it be miserable? God concealed within the universe a precious sword. First the human race caught the scent of this awful treasure. Then it began to search for it. And finally it grasped it in its hands. What kind of dance will it perform while brandishing this two-edged sword? If we use its power well, it will bring a tremendous leap of forward in human civilization; if we use it badly, we will destroy the earth. Either of these alternatives can be taken quite simply. And turn to the left or to the right is entrusted to the free will of human family. The human race, with its discovery of atomic power, has now grasped the key to its future destiny – a key to survival or destruction. This is a truly awful thought. I myself believe that the only way to the proper use of this key is authentic religion.“ (Nagai, Bells of Nagasaki, p. 155f.)
Als überlebender des Abwurfs und gerade aus seiner ärztlichen Perspektive sind seine Schilderungen geprägt einerseits von wissenschaftlichem Interesse und Nüchternheit sowie andererseits von einer tiefen Spiritualität und Menschlichkeit.
Zunächst ist das Buch geprägt von verschiedenen Perspektiven auf das Erleben des Abwurfs und es ist beeindruckend, wie es Nagai gelingt, die Normalität des Alltags der medizinischen Fakultät zu schildern, die durch den Atomblitz und die Detonation der Bombe im Bruchteil einer Sekunde beendet wurde. Das Buch bietet so einen authentischen Erlebnis- und Überlebensbericht auf eine in der Menschheitsgeschichte völlig neue Situation. In diesem Sinne ist es eine Pionierarbeit auf mehreren Ebenen und erklärt das sofortige internationale Interesse an Nagais Bericht.
Bis zur völligen Erschöpfung und unter größten persönlichen Leiden machen sich dann die Überlebenden der medizinischen Fakultät daran, den Opfern der Atom-Angriffs zur Seite zu stehen und dabei die völlig neuen Krankheitsbilder, die insbesondere durch die Folge der Strahlung verursacht wurden, zu dokumentieren. Es ist ein Blick in die Hölle des Atomzeitalters, das in Nagasaki zum bisher letzten Mal konkrete militärische Anwendung im Ernstfall fand. In nüchternem Ton und doch zugleich mit großer menschlicher Anteilnahme schildert Nagai die Folgen des Abwurfs. Nagais Werk wird nicht zuletzt dadurch ein Manifest gegen den militärischen Einsatz der ungeheuren Kraft der wissenschaftlichen Errungenschaften im Atomzeitalter.
Im Hintergrund seiner Schilderungen aber steht immer sein tiefer, unerschütterliche Glaube an die liebende Realität Gottes, die ihn, in der Nachfolge eines modernen Hiob, der fast alles verloren hat, doch die Vorsehung dieses Gottes preisen lässt. In besonderer Weise kündet davon seine Rede anlässlich der Begräbnisfeier für die Opfer des Abwurfs in den Trümmern der Urakami-Kathedrale, die er in seinem Buch integriert hat. Darin heißt es:
„It was the providence of God that carried the bomb to that destination. Is there not a profound relationship between the destruction of Urakami and the end of the war? Urakami, the only holy place in all Japan – was it not chosen as a victim, a pure lamb, to be slaughtered and burned on the altar of sacrifice to expiate the sins committe by humanity in the Second World War?“ (ebd, 144)
Nagai, der seine Frau, seine Gesundheit, seine Fakultät, ja bis auf seine beiden Kinder eigentlich alles verloren hat, kann in seinem persönlichen Schicksal und in dem der ganzen Stadt einen Sinn erkennen, der Vergebung, Neuanfang und Hoffnung ermöglicht. Aus der Atom-Hölle von Nagasaki wird ein Ort der Zukunft und der Welt so ein Zeichen der Hoffnung.
Die Rezension bezieht sich auf die englische Ausgabe von 2025 in der Übersetzung von William Johnston (Vintage Classics, Penguin Random House Group, London). Die deutsche Ausgabe „Die Glocken von Nagasaki“ ist gerade vergriffen und wenn überhaupt antiquarisch zu beziehen.
