Die Situation der Kirche in Frankreich lässt sich kaum mit der eines anderen Landes vergleichen.
Seit dem Mittelalter entwickelte sich ein starker Zentralismus, der nicht nur das Staatswesen, sondern auch das Verhältnis zur Religion formte. Die französische Monarchie suchte früh, die Kirche ihrer Autorität zu unterstellen, was in verschiedenen Formen eines religiös-politischen Machtanspruchs sichtbar wurde. Diese Tendenz erreichte einen Höhepunkt im Konflikt zwischen Krone und Papsttum im späten Mittelalter.
Die Französische Revolution radikalisierte diese Entwicklung, indem sie nicht nur den Staat, sondern auch die Kirche selbst neu organisieren wollte. Mit der Zivilverfassung des Klerus wurde die Kirche faktisch dem Staat untergeordnet, was zu tiefen Spaltungen führte. Auch das 19. Jahrhundert blieb von einem Spannungsverhältnis zwischen staatlicher Kontrolle und kirchlicher Freiheit geprägt. Gleichzeitig erlebte die Kirche eine bemerkenswerte religiöse Erneuerung mit zahlreichen Berufungen, neuen Gemeinschaften und einer lebendigen Volksfrömmigkeit.
Das Gesetz von 1905 brachte schließlich die Trennung von Kirche und Staat und etablierte eine spezifisch französische Form der Laizität. Diese bedeutete ursprünglich weniger einen Kampf gegen Religion als vielmehr eine bewusste Zurückhaltung des Staates in religiösen Fragen. Paradoxerweise führte gerade diese Trennung langfristig zu einer stärkeren inneren Bindung der Kirche an Rom und zu größerer Unabhängigkeit vom Staat.
Im 20. Jahrhundert wandelte sich der französische Katholizismus tiefgreifend: von einer selbstverständlichen Volkszugehörigkeit hin zu einer bewussten persönlichen Entscheidung. Der Rückgang der Praxis nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ging einher mit dem Entstehen neuer geistlicher Gemeinschaften. Heute ist die Kirche zahlenmäßig kleiner, aber oft engagierter und bewusster im Glauben.
Gleichzeitig steht sie in einer zunehmend säkularen und pluralen Gesellschaft, in der der Staat wieder stärker regulierend in religiöse Fragen eingreift. Neue Gesetze im Namen der Republik betreffen alle Religionen und können auch die kirchliche Freiheit einschränken. Die aktuelle Situation ist daher geprägt von einer Spannung zwischen historisch gewachsener Laizität, neuer staatlicher Kontrolle und einer Kirche, die gelernt hat, als kreative Minderheit zu leben.
Was kann man lesen? Die beste Literatur gibt es natürlich auf Französisch, besonders das großartige Buch Histoire religieuse de la France contemporaine von Gérard Cholvy, erschienen zuletzt 1990. Leider reicht es mit dem Schulfranzösisch dafür nicht ganz und eine deutsche Übersetzung fehlt immer noch.
Dafür gibt es einen großartigen deutschen Artikel von dem ehemaligen Bischof von Blois, Jean-Pierre Batut:
Ursprünge und Besonderheiten der Situation der Kirche in Frankreich, 2023
Der Aufsatz steht vollständig auf der Seite der LMU München und zwar hier.
