Asfa-Wossen Asserate: Manieren. Eichborn 2004

Es gehört zu den Seltsamkeiten unserer Zeit, dass ungebremst überall über nahezu alles gesprochen wird – nur nicht über das Selbstverständliche. Über Politik wird auf offener Straße gestritten, über Moral hitzig debattiert, auf Identität gepocht und mit ihr gerungen. Asfa-Wossen Asserate erinnert in seinem Buch Manieren daran, dass gerade im Nebensächlichen die Ecksteine eine Kultur rahmen.

Manier zeigt Menschenbild

Für den katholischen Leser ist es erfreulich, dass Asserate die Manier nicht als rein äußerliche Konvention versteht, sondern als Ausdruck einer inneren Haltung. Er berichtet nicht über Benimmregeln im Sinne eines feierlichen Dresscodes, sondern über die äußere Form, in der die innere Achtung vor dem Mitmenschen konkret wird. Damit berührt er – bewusst oder unbewusst – einen genuin christlichen Gedanken: Der Umgang mit der Würde des anderen Menschen verlangt eine richtige Form.

Die christliche Tradition hat stets gewusst, dass das Sichtbare das Unsichtbare trägt. Liturgie, Ritus und Zeichen sind alle eine Form, die tiefere innere Wirklichkeit bewahren. Wenn Asserate beklagt, dass in der Gegenwart Respektlosigkeit und formlose Vertraulichkeit zunehmen, dann spricht daraus nicht Kulturpessimismus, sondern eine anthropologische Realität: Wo die Form schwindet, leidet der Inhalt.

Die Schule der Höflichkeit

Besonders eindrucksvoll ist Asserates Beschreibung der Erziehung zur Höflichkeit. Manieren entstehen nicht spontan; sie sind Frucht von Einübung, von kritischer Tradition und Weitergabe. Hier zeigt sich eine Nähe zur katholischen Soziallehre: Der Mensch ist ein soziales Wesen, er wächst in Gemeinschaft hinein und wird durch sie geprägt.

In einer Gesellschaft, die Autonomie oft als Selbstentgrenzung missversteht, erinnert Asserate daran, dass Freiheit nicht Willkür bedeutet. Gute Manieren sind keine Fessel, sondern eine Schule der Selbstbeherrschung. Sie zähmen das Ego und eröffnen Raum für den Anderen. In diesem Sinne haben Manieren eine asketische Dimension: Sie sind eine Übung in Demut.

Fazit

Manieren ist ein wohltuendes Buch in einer zügellosen Zeit. Für den katholischen Leser ist es eine Einladung, über die Verbindung von Form und Wahrheit neu nachzudenken. Asserate weiß um die Unumgänglichkeit der Moderne, kennt aber auch die „Alte Welt“ der Hofkultur aus erster Hand. So kann er die Kultur der Höflichkeit nicht nostalgisch, sondern als notwendige Bedingung menschlichen Zusammenlebens verteidigen. Trotzdem geben seine anekdotischen und humorvollen Streifzüge dem Büchlein eine bemerkenswert leichte und erinnernswerte Note.

Wer Manieren liest, wird nicht sofort zum Zeremonienmeister, zum Kenner aller Regeln, aber er wird doch sensibler für dessen Amt und Würde und ganz allgemein für den Basso continuo des gegenseitigen, christlichen Umgangs.