Von Erik Varden, dem geistlichen Lehrer und Bischof aus Trondheim in Norwegen, haben wir hier bereits das Werk Heimweh nach Herrlichkeit. Ein Trappist über die Fülle des Lebens. Herder 2021.
Sein Buch zur Fastenzeit nimmt die andere Seite in den Blick, die Geschichte vom schmerzhaften Hier und von der Heilung der Wunden.

In der christlichen Frömmigkeit besteht die Tendenz, Wunden zu beschönigen, ja sogar zu idealisieren. Diese Tendenz ist verkehrt. Die menschliche Natur, die nach dem Bild Gottes geschaffen wurde, um Gott ähnlich zu sein, ist auf Ganzheit ausgerichtet. Hier und jetzt leben wir in einer Welt, die verwundet ist und unter den Wehen der Erlösung stöhnt. Wir sind verwundet, unterworfen der Anomalie, die die Schrift „Sünde“ nennt, einer existenziellen, zersetzenden Krankheit, die an uns nagt, nicht unähnlich der Kruste, die Rilkes Bettler befallen hat. Die Sünde hinterlässt ihre Spuren in unserem Geist und an unserem Körper. Sie kann unseren Willen lähmen oder ihn in die Irre führen.
[…] Das christliche Evangelium zeichnet den Weg von der ehrlichen Anerkennung der Wunden hin zur Aussicht auf endgültige Heilung auf. Es bietet eine Vision der Verwandlung, einen „neuen Himmel und eine neue Erde“, wo „der Tod nicht mehr sein wird, noch Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz.“ Dort werden die ersten Dinge vergangen sein.
There is a tendency in Christian devotion to prettify, even to idealize, wounds. This tendency is perverse. Human nature, created in the image of God to be like God, is made for wholeness. Here and now we inhabit a world that is wounded, groaning in pangs of deliverance. We are wounded, subject to the anomaly which Scripture calls ’sin‘, an existential wasting-sickness that eats away at us not unlike the scab afflicting Rilke’s beggars. Sin leaves its mark on our spirit and on our body. It can paralyse our will or lead it astray.
[…] The Christian Gospel envisages the passage from a frank acknowledgement of wounds to the prospect of definitive healing. It proposes a vista of transformation, a new heaven and a new earth‘ where ‚death will be no more, mourning and crying and pain will be no more. There, the first things will have passed. (Healing Wounds, 6-7, freie Übersetzung)
Einige der schönsten Seiten sind der Entdeckung des Kreuzes im Christentum gewidmet. Es taucht zunächst nur als Satire auf, im heidnischen Rom. Erst 500 Jahre nach Christi Kreuzestod wird das Kreuz als Zeichen des Heils entdeckt. Der Herr hat all die Schmerzen getragen und erleuchtet, die die Menschen bedrücken. Im Kreuz ist Hoffnung.
Bischof Varden kann man zu diesem Thema (und zu vielen anderen) auch direkt auf Youtube anhören: „Living with Wounds – The Passion in Theology & in Our Lives”.
