Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh, Anaconda 2016

(c) Anaconda

Der Roman ist das Zeugnis des Völkermords an den Armeniern schlechthin und eines der schönsten Stücke deutschsprachiger Literatur. Hauptfigur ist ein französischer Emigrant, der in die armenisch-türkische Heimat seiner Eltern zurückkehrt. Dort wird plötzlich alles angespannt und hasserfüllt. Werfels Blick gleitet durch Istanbul wie durch die armenische Provinz, durch Amtsstuben mit türkischen Beamten und deutschen Offizieren und durch die Wohnzimmer des uralten armenischen Volkes.

Bagradian, der Heimkehrer, steht bald vor der Wahl zwischen seinem Volk (und dem drohenden Tod) oder seiner europäischen Heimat (und dem Frieden, doch nur für ihn). Er wird es sein, der sein Dorf in den Widerstand führt, und mit den Dorfnotabeln den Widerstand organisiert. Sie halten lange aus gegen die türkische Übermacht, bis am Ende ein französisches Schiff am Horizont auftaucht und die Verzweifelten rettet.

Franz Werfel, der hier mit einigen Klassikern vertreten ist, hat den vernichteten Armenier das erste und das größte Denkmal gesetzt. Der in Deutschland und Österreich verfolgte Jude schreibt für die Verfolgten Christen des Orients. Sie haben sich dessen mit großer Dankbarkeit erinnert, insbesondere die amerikanischen Exilarmenier bei Werfels Amerikareise. „Wir waren eine Nation, aber erst Franz Werfel hat uns eine Seele gegeben“, ist das geflügelte Wort dieser Tage (Alma Mahler-Werfel, Mein Leben, 1960, S. 225).

Jetzt aber zum Text, zu Bagradian:

Er verläßt den Meeresausblick. […] Im ersten Augenblick der allgemeinen Rettung hatte ihn sofort die Ahnung angewandelt, daß es für ihn diese Rückkehr ins Leben nicht gebe, schon deshalb, weil der wahre Gabriel Bagradian, wie er in diesen vierzig Tagen entstanden ist, wirklich gerettet werden mußte. Nach Port Said oder Alexandria? In irgendein Barackenlager für armenische Flüchtlinge? Den Musa Dagh mit einem engeren und niedrigeren Pferch vertauschen? Von der Höhe der Entscheidung in die Sklaverei hinabsteigen, um auf neue Gnade zu warten? Warum? Ein altes Wort Bedros Hekims klingt auf: Armenier sein ist eine Unmöglichkeit. Sehr wahr! Die Unmöglichkeiten sind aber für Gabriel Bagradian abgetan. Mit unbeschreiblicher Sicherheit erfüllt ihn das Einzigmögliche. Er hat das Schicksal seines Blutes geteilt. Er hat den Kampf seines Heimatvolkes geführt. Ist aber der neue Gabriel nicht mehr als Blut? Ist der neue Gabriel nicht mehr als ein Armenier? Früher hat er sich zu Unrecht als »abstrakter Mensch«, als »Mensch an sich« gefühlt. Er mußte zuerst durch jenen Pferch der Gemeinschaft hindurch, um es wahrhaft zu werden. Das ist es, darum fühlt er sich so unermeßlich frei. Kosmische Einsiedelei. Die Sehnsucht dieses Morgens. Nun ist sie gefunden, wie von keinem Sterblichen noch. Jeder Atemzug schwelgt in der trunkensten Unabhängigkeit. Die Schiffe entfernen sich, und Gabriel bleibt zurück auf diesem Felshang des Musa Dagh, der leer sich dehnt wie eben erschaffen. Nur zwei sind da, Gott und Gabriel Bagradian. Und Gabriel Bagradian ist von Gottesgnaden, ist wirklicher als alle Menschen und alle Völker!!

Werfel, Die vierzig Tage des Musa Dagh, 6. Kapitel

Das komplette Buch ist im Projekt Gutenberg verfügbar. Außerdem gibt es ein zweiteiliges Hörspiel im SWR, ebenfalls online verfügbar. Mehr von Werfel gibt es hier.