Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz ist wie Ratzinger eine Meisterin der kurzen Aufsätze über alle Fragen des Glaubens und Lebens, die Weisheit erfordern. In der Aufsatzsammlung von 2001 kommen die verschiedensten Themen zusammen: Liebe und Enthaltsamkeit – Gottesdienst und Extase – Zeit und Ewigkeit – Heimat und Verbannung – Leben und Sterben.
Mich hat besonders der Artikel über die „Unekstase“ im christlichen Gottesdienst fasziniert. Warum hat das Christentum nicht eine überwältigende Liturgie geschaffen, in der der Mensch in Trance zur Göttlichkeit hingerissen wird, wie in den alten heidnischen Riten Europas? Im Gegenteil: Unekstase ist Programm. Denn der Mensch soll gerade nicht überwältigt werden (also sich selbst absterben), sondern soll er selbst werden und auf Gottes Ruf antworten. Nicht Überwältigung, sondern Einladung.
„Daher fordert der christliche Kult nicht den Menschen, der sich selber vernichten, abhanden kommen, letztlich töten muss, um in die Macht des Übermächtigen zurückzutauchen. Der Tod Jesu, der in der Liturgie gefeiert wird und den eigenen Tod bereits einschließt, wird nicht als Fortgleiten ins Untermenschliche, ekstatisch Tödliche zelebriert. Er bildet vielmehr den Menschen heraus, der Antwort, Entscheidung, Einsatz formulieren kann. Er fordert Hingabe, nicht Preisgabe.“ (Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz: Eros – Glück – Tod. Resch 2001, S. 37)

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