
Nach den ersten Seiten von Adolf Portmanns „Vom Lebendigen“ hab ich lange versucht, noch einen weiteren Biologen-Archäologen zu finden, der auf ähnlich grandiose Weise vulgarisieren kann, das heißt, die Entdeckungen der Anthropologie so darstellen kann, dass daraus eine echte Wissenschaft vom Menschen wird. Es gibt leider niemanden in den letzten Jahren, der das annähernd kann wie Portmann. Nach ihm kommt eigentlich niemand mehr, der die Fackel dieser Wissenschaft in die Hand genommen hätte.
Dabei sind die jüngsten Entdeckungen der Paläoanthropologie (also der Archäologie des Menschen) umwerfend, insbesondere die von Svante Pääbo, dem schwedischen Nobelpreisträger der in Berlin forscht. Doch die Erklärer hierzu fehlen. Wie dem auch sei, bei Adolf Portmann finden Sie ohnehin genug Stoff, um ihr Evolutions-Weltbild einmal vollständig umzustürzen. Biologie als Gottesbeweis. (Auch wenn Portmann selbst den Schritt bis zum Schöpfer nie geht, den müssen Sie selbst machen.)

Hier kommen drei Punkte von Portmann, die jedenfalls mein Weltbild ganz neu aufgestellt haben.
1. Die „physiologische Frühgeburt“ des Menschen
Bei Säugetieren unterscheidet man „Nesthocker“ (hilflos geboren, Mäuse und Katzen) und „Nestflüchter“ (lange Tragzeit, Pferde z.B.). Der Mensch hat zwar eine für Nestflüchter typische, lange Tragzeit, kommt aber trotzdem hilflos, „unfertig“ wie ein Nesthocker zur Welt – ohne Fell, ohne Gleichgewichts- und Fortbewegungsfähigkeit, mit einem noch stark unreifen Gehirn. Portmann bezeichnet den Menschen deshalb als „sekundären Nesthocker“ und spricht von einer physiologischen Frühgeburt: Das erste Lebensjahr außerhalb des Mutterleibs entspricht biologisch eigentlich noch der vorgeburtlichen Reifungsphase eines Nestflüchters: das „extrauterine Frühjahr“. In dieser Zeit entwickeln sich zentrale menschliche Fähigkeiten (aufrechter Gang, Sprache, Denken) – aber eben schon in sozialer Umgebung, nicht mehr im Mutterleib.
2. Der „Eigenwert der Erscheinung“ – Kritik an der funktionellen Evolutionstheorie
Portmann widersprach der Vorstellung, dass jedes äußere Merkmal eines Lebewesens, seine Farben, Muster oder Formen, ausschließlich durch Tarnung oder Partnerwahl „erklärt“ werden kann. Er vergleicht sichtbare mit verborgenen Körperstrukturen (z. B. die Innenseiten von Muschelschalen) und stellt fest: Gerade an gut sichtbaren Körperoberflächen finden sich oft Muster von großer Komplexität und Schönheit, die über reinen Überlebenswert hinausgehen. „Selbstdarstellung“ des Lebendigen – die Erscheinung eines Organismus hat einen Wert an sich, nicht nur als Mittel zum Zweck.
3. Die Sonderstellung des Menschen in der Natur
Aus der physiologischen Frühgeburt und seinen morphologischen Studien leitet Portmann eine grundsätzliche Sonderstellung des Menschen ab: Weil der Mensch seine entscheidende Reifephase nicht im schützenden Mutterleib, sondern in einer sozialen Umgebung durchläuft (der „sozialen Uterus“!), ist Kultur für den Menschen keine nachträgliche Zutat zur Natur, sondern biologisch notwendig – der Mensch ist von Natur aus auf Kultur, Sprache und Gemeinschaft angewiesen.
Grandios ist gleichermaßen „An den Grenzen des Wissens. Vom Beitrag der Biologie zu einem neuen Weltbild“ (Econ 1974). Die Bücher stehen in der Abteilung „Christliche Philosophie“ – aber nicht deshalb, weil sie dort hineingehörten, sondern nach dem wortwörtlichen Sinn von „Philosophie“, Liebe zur Weisheit. Ich verspreche Ihnen, nach diesem Buch sind Sie klüger und erfahrener über das, was der Mensch ist, was wir sind.
Ein paar Zeilen Portmann gefällig? Lesen Sie, staunen Sie!
Im Zentrum stand damals die eigenartige Tatsache, daß unser Kehlkopf in den ersten Jahren seine Lage verändert: Er sinkt ab und kommt schließlich um etwa ein bis zwei cm tiefer zu stehen als im Augenblick der Geburt. Das neugeborene Menschenkind hat einen hochgestellten Kehlkopf, einen Kehldeckel (die Epiglottis der Anatomen), um den herum der Milchstrom direkt in die Speiserohre fließen kann, während die Luftzufuhr von der Nase durch den Kehlkopf zur Lunge ungestört bleibt. Nahrungsweg und Luftweg sind getrennt, im Zustand, der bei den Säugetieren im allgemeinen zeitlebens durchgehalten wird. Das Phänomen war zwar schon lange bekannt, aber die genauen Einzelheiten sind erst im Laufe der Jahre voll beachtet worden. Auch meine ursprüngliche Darstellung nahm den Abstieg des Kehlkopfes nach der Geburt als eine Begleiterscheinung des Ausformens unserer aufrechten Haltung hin. Diese Deutung wurde von amerikanischen Forschern noch um 1959 aufs neue betont. […]
Erst wichtige zusätzliche Studien, etwa seit 1967 in Amerika von Philip Lieberman und seinen Mitarbeitern durchgeführt, haben die Bedeutung dieses Abstiegs geklärt. Sie konnten zeigen, daß der Erwerb einer Wortsprache, einer Kommunikation mit komplizierten Konsonanten und Vokalbildungen, nur möglich ist, wenn der hintere Rachenraum der Mundhöhle erweitert wird, so daß sich die große Beweglichkeit unserer Menschenzunge nach dieser Richtung auswirken kann. Die neuen phonetischen Untersuchungen haben nachgewiesen, daß schon unsere nächsten tierischen Verwandten nicht fähig sind, unsere Vokale präzise zu bilden. Die Sprachfähigkeit ist eine Eigenart des Menschen und als solche bereits mitbedingt durch Struktur und Entwicklung seines Kehlkopfes; sie ist nicht eine reine Sonderleistung unserer Hirnstruktur. (Portmann, An den Grenzen des Wissens, Fischer 1976, S. 53)

