Gerhard Lohfink & Ludwig Weimer: Maria – nicht ohne Israel. Eine neue Sicht der Lehre von der unbefleckten Empfängnis. Freiburg 2012.

Gastbeitrag von Christian Winkhold aus Aachen. Merci!

(c) Herder

Spätestens seit dem Hochmittelalter ist es in der katholischen Dogmatik üblich, die einzelnen Dogmen und Lehren nach sogenannten Traktaten zu ordnen. So gibt es die Lehre von Christus, die Lehre vom Heiligen Geist, die Lehre von der Kirche usw. Eine solche Einteilung ist übersichtlich und erleichtert in manchen Fällen das vertiefte Nachdenken über einzelne Punkte. Dass diese Traktate am Ende nur Notbehelfe des menschlichen Verstandes sind, führt Maria eindrücklich vor Augen. Sie berührt jedes Traktat und ist doch von keinem ganz zu erfassen.

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass auch das Buch, das der 2024 verstorbene Neutestamentler Gerhard Lohfink und Ludwig Weimer, Mitglied des Ratzinger-Schülerkreises, über Maria vorgelegt haben, sehr umfangreich daherkommt. Auf über 400 Seiten stellen sie in drei großen Kapiteln die ganze Heilsgeschichte dar, in der Maria eine entscheidende Rolle spielt. Aus vielen verschiedenen Blickwinkeln beleuchten und erklären sie, was es mit der Erbsünde auf sich hat, um dann darzustellen, wie Gott auf verschiedene „Werkzeuge“ zurückgreift, um diese Trennung zwischen ihm und den Menschen zu heilen. Natürlich spielen hier Abraham, Mose und die Tora eine wichtige Rolle. Die Autoren weisen aber zudem auf Aspekte des göttlichen Heilshandelns hin, die gerne unter den Tisch fallen, wie beispielsweise den Tempelkult oder die Weisheitsliteratur Israels. Abschließend sprechen sie über Maria als „Inbild des erlösten Israels“ – das Kernstück des ganzen Buches, von dem hier nichts vorweggenommen werden soll. Nur so viel: Die Autoren bemühen sich sehr darum, nicht bloß als Theologen zu schreiben, sondern schauen immer wieder nach links und nach rechts. So spielen die Naturwissenschaften, aber auch Dichtung und Musik eine wichtige Rolle bei der Erschließung der Glaubensgeheimnisse. Wer wissen möchte, was „Es ist ein Ros entsprungen“ mit dem Dogma von der unbefleckten Empfängnis zu tun hat, sollte auf jeden Fall das dritte Kapitel lesen!

Es lohnt sich, die stellenweisen Längen des Buches auszuhalten, denn nach der Lektüre hat der Leser nicht nur Maria besser kennengelernt, sondern auch vieles über das Verhältnis von Dogmatik und Evolutionsbiologie, die Dogmen im Allgemeinen, die Bedeutung des ganzen Alten Testamentes für unsere Erlösung, die Legitimität der Mariendogmen und Adventslieder gelernt.

Die Autoren finden viele schöne Bilder und Vergleiche. Gerne lasse ich sie zum Schluss selbst mit einem Bild zu den Dogmen der Kirche zu Wort kommen:

„Das Bild vom Dogmenbaum [das auf Hieronymus zurückgeht, er legt das Gleichnis vom Senfkorn so aus, dass die sprießenden Äste die Dogmen der Kirche sind, Anm. d. Autors] macht das organische der Dogmen deutlich. […] Vor allem zeigt das Bild: Die Dogmen der Kirche dürfen niemals von ihrer Wurzel abgeschnitten werden. Denn von dort empfangen sie ihre Kraft. Alle Glaubensaussagen gehen auf Christus und über ihn auf Israel zurück. Israel ist die Wurzel. Ohne diese Wurzel gäbe es weder Maria noch Christus. Aber das vielfältige Wurzelgefüge Israel wird in dem einen Stamm Jesus Christus zusammengeführt. Durch ihn tritt das Wurzelgeflecht ins helle Licht. Durch ihn finden die vielen Wurzeln ihre Einheit und Eindeutigkeit. Durch ihn fließt aber auch die Kraft der Wurzel. Nach oben verzweigt sich der Stamm. Doch seine Zweige sind keine Wucherungen; sie füllen die Welt mit Leben. […]
In der Dogmenauslegung treten neue, zuvor nicht gesehene Aspekte zu Tage. Das Dogma bleibt lebendig. Die Zweige des Baumes leben. Aber das einzelne Dogma steht in Verbindung mit allen anderen Dogmen und ist im Zusammenhang mit allen anderen auszulegen. Vor allem: Bei jedem Dogma muss die Verbindung mit dem Stamm und mit der Wurzel bedacht werden.“
Gerhard Lohfink & Ludwig Weimer, Maria – nicht ohne Israel. Eine neue Sicht der Lehre von der unbefleckten Empfängnis, Freiburg 22012, S.399f.


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